Schlecht gelaufen.

Freitag Abend in Moskau. Europas größte Stadt ist geschäftiger, denn je. Die Woche ist abgeschlossen und jetzt wollen die Moskowiter Spaß haben. Es ist ein schöner warmer Sommerabend. Ich stehe vor dem Eingang der Wall Street Bar und rede mit Freunden, als Sven plötzlich vor mir steht. Er ist Holländer und nun auch schon ein paar Jahre in der Stadt. Wir kennen uns vom Partymachen. Im Gegensatz zu mir, dem DJ und Promoter, der auf eigenes Risiko hierherkam, ist Sven ein typischer Expat mit geregelten Einkommen, Absicherung und sogar einer bezahlten Wohnung an der Tverskaya, unserem Kuhdamm. Dort, wo sich normalsterbliche Leute eine Wohnung gar nicht mehr leisten können.

Sven hat ein gutaussehendes Mädchen an der Hand und er stellt sie mir als seine Freundin vor. Das ist ungewöhnlich, denn Sven hat gerne Spaß und legt sich in der Regel nicht fest. Ich sehe ihn jeden Abend mit einer anderen im Arm. Außerdem ist das Mädchen gut einen Kopf größer als Sven. Wie so oft in Moskau, trägt sie aufreizende Klamotten, die mindestens eine Nummer zu klein sind und fast aus den Nähten zu platzen drohen. Und dass, obwohl das Mädchen sehr gut gebaut und schlank ist. Ihre langen Beine enden in einem schwarzen Mini-Lederrock, der so kurz ist, dass man erwartet die Unterwäsche darunter erkennen zu können. Sie wäre ohnehin schon größer als Sven, aber die unendlich langen Beine enden auf 12cm High-Heels. Ich frage mich immer wieder, wie es Frauen schaffen damit zu laufen.

Irgendwie passt dieses Mädchen nicht zu Sven. Sie überragt ihn um einiges und sieht generell zu gut für ihn aus. Nur mit dem Gesicht stimmt etwas nicht. Sie ist schön, aber hat einen leeren Blick und generell sieht das Gesicht emotionslos, fast ein bisschen versteinert aus. Sven ist trotzdem stolz auf seine neue Eroberung. „Das ist Natascha“, stellt er sie mir stolz vor. „Sie ist Tänzerin. Vielleicht kann sie ja mal auf einer deiner Parties als Go-Go arbeiten?“. „Ah! Du bist Tänzerin“, sage ich bewundernd zu Natascha. Ich habe Erfahrung mit Tänzerinnen, denn meine Ex-Freundin ist Ballerina am Bolshoi Theater. Eine andere tanzt bei Alvin Alley. „Wo tanzt du denn? In welcher Company?“, frage ich naiv. „Ich habe bis vor kurzem in einem Strip-Club gearbeitet und bin sehr gut an der Stange“, antwortet Natascha emotionslos. Erst halte ich das für einen Spaß, aber als ich mich zu Sven drehe, läuft der rot an und lächelt ein bisschen verlegen. „Ähm. Vielleicht hast du ja mal einen Job als Go-Go für sie… Na ja“, meint Sven, „wir gehen dann mal rein“. Danach zieht er seine neue Eroberung an den Türstehern vorbei in die Bar.

Draußen wird es dunkel. Die Sommerabende sind lange in Moskau. Der Sonnenuntergang ist im Moment erst um halb elf. Drinnen in der Bar wird es langsam voll. Der Warm-Up DJ spielt seine letzen Songs, bevor ich an der Reihe bin. Die nächsten zwei Stunden lege ich auf. Die kleine Bar ist bis auf den letzten Platz gefüllt und die Leute tanzen. Nach meinem Set mache ich meine Runde und treffe auch Sven und Natascha wieder. Die ist mittlerweile so betrunken, dass sie kaum noch stehen kann. Wenigstens lächelt sie jetzt hin und wieder. Irgendwann später sehe ich, wie Sven Mühe hat, die sturzbesoffene Natascha zu halten. Anscheinend will sie bleiben, während er genug hat und nach Hause will.

Danach sehe ich Sven und Natascha regelmäßig zusammen auf meinen Parties. Manchmal ist Natascha schon betrunken, wenn sie kommen. Manchmal nach einer Stunde. Dann, eines Tages schreibt mir Sven auf Facebook und wir chatten ein bisschen. Ob ich denn auch so negative Erfahrungen mit meiner russischen Freundin gemacht hätte. Seine will ständig einkaufen und er müsse bezahlen. Ich erkläre ihm, wie das in Russland läuft. „Man macht seiner Frau ständig Geschenke hier“, sage ich. „Um so teurer das Geschenk, um so größer die Liebe“. Die Höhe der Ausgaben stehen in Relation mit dem Einkommen. Es muss dem Gatten weh tun. „Aber wir sind doch noch nicht mal verheiratet“, meint Sven. „So ist das in Russland. Das ist die Kultur. Man muss in seine Frau investieren“, antworte ich. Mir war ohnehin aufgefallen, dass Nataschas Garderobe exklusiver geworden ist. Letztes Mal kam sie sogar mit einem Louis Vuitton Täschchen und das war sicher keine Kopie.

Nach nur einem halben Jahr ändert sich der Relationship-Status der beiden auf Facebook plötzlich von „in einer Beziehung“ zu „verheiratet“. Ich bin sehr überrascht, denn Sven hatte sich oft bei mir ausgeheult und Rat gesucht. Ich frage mich, wie sie ihn dazu gebracht hat. OK, Sven ist klein und sieht nicht unbedingt gut aus. Natascha dafür um so besser und sie ist auch ohne High-Heels, einen Kopf größer, als er. Doch Aussehen ist nicht alles, oder? Ich bin nicht der Einzige, der sich wundert. Unsere ganze Party-Gemeinde lästert über das ungleiche Paar. Doch Sven scheint das egal zu sein. Er postet fleißig Fotos von seiner Frau auf Facebook und alles scheint paradiesisch. Flitterwochen in Venedig. Ein kurzer Trip in den Pariser Frühling. Partymachen in Barcelona.

Dann kriselt es zwischen den Beiden. Sven meldet sich wieder bei mir und fragt nach Rat. Die Einkaufstouren seiner Frau werden immer teurer und sie scheint nicht verstehen zu wollen, dass am Ende des Monats noch etwas Geld auf das Sparkonto gehen soll. „Ist’s denn wirklich so schlimm?“, frage ich. „Schlimmer!“, antwortet Sven. „Und jetzt?“. „Ich weiß nicht weiter. Es scheint, als rede ich an die Wand. Sie will mich einfach nicht verstehen. Wenn ich in der Arbeit bin, dann nimmt sie meine Kreditkarten und geht shoppen. Ich muss mittlerweile schon meine Karten verstecken“.

Kurze Zeit später trennen sich Sven und Natascha. Sven gibt wieder Gas und genießt sein Singleleben. Dann zieht er zurück nach Holland. Von Natascha höre ich nichts. Bis die beiden ein halbes Jahr später wieder zueinander finden. Natascha wohnt immer noch in seiner Wohnung, welche er jetzt selbst bezahlt, obwohl er nicht mehr in Moskau lebt. Als die beiden wieder zusammen kommen beschließen sie, einen Freund in Dubai zu besuchen. Sven hat dort ein Arbeitsangebot und will sich das Umfeld genauer ansehen. Außerdem wird es in Moskau Winter und ein Monat im warmen Dubai kommt gerade recht. Während des Trips kriselt es wieder. Sven und sein Freund lassen Natascha alleine in der Stadt und reisen zwei Wochen in der Region herum.

Nach einer Woche, die beiden sitzen gerade am Lagerfeuer in der Wüste und trinken Tee mit Einheimischen, klingelt das Telefon des Freundes. Am anderen Ende ist seine Bank. Einige seiner Kreditkarten wurden innerhalb der letzten Woche ungewöhnlich oft benutzt und sind mittlerweile am Kreditlimit angekommen. Der Banker fragt, ob er das Kreditlimit anheben soll. Sven und sein Freund sind geschockt, die Kreditkarten haben sie gar nicht dabei, sondern sie sind zu hause. Natascha muss sie gefunden haben. Diese geht nicht ans Telefon, also beschließen die beiden sofort zurückzureisen. Als sie ankommen, finden sie eine verwüstete Wohnung. Überall stehen leere Flaschen und Gläser. Es scheint, als hätten hier einige gute Partys stattgefunden. Von Natascha fehlt jede Spur. Auch von den Kreditkarten und anderen Wertsachen aus der Wohnung. Der Freund beschließt die Polizei anzurufen und Anzeige zu erstellen. Sven ist schockiert und betroffen. Doch es kommt noch schlimmer. Die Auswertung der Sicherheitskamera am Hauseingang zeigt, dass Natascha des Öfteren ausging und in Begleitung von einigen Männern nach Hause kam. Sven fragt sich, was da wohl passiert ist. Was waren das für Partys? Manchmal war es ein Mann. Ein anderes Mal vier. Natascha war immer alleine mit den Männern in der Wohnung.

Die Dubaier Polizei sucht Natascha. Sven tritt die Heimreise an und ist mittlerweile wieder in Moskau. Er sucht einen neuen Job in Russland. Ich weiß nicht, wie er sich mit seinem Freund über den Schaden geeinigt hat. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich von der ganzen Dubai Geschichte eigentlich recht wenig. Erst ein Post auf Svens Facebook Wall bringt mich zurück in die Geschichte. Dort schreibt eine Amerikanerin öffentlich und anklagend. Sie gibt Sven die Schuld an allem. Natascha hat wohl bei einer amerikanischen Familie Unterschlupf gefunden und wird von ihr versteckt. Der Facebook Dialog liest sich, wie ein Krimi. Natascha hat eine fabelhafte Geschichte erfunden. Sven schreibt eine Antwort und versucht die Sache klarzustellen und die Familie vor Natascha zu warnen. Schließlich schreibt Natascha selbst und seltsamerweise gibt sie alles zu, mit einer Selbstverständlichkeit, die ihres Gleichen sucht. Öffentlich. Wir lesen alle mit. Die Amerikanerin sollte nun eigentlich ihre Konsequenzen ziehen, doch sie schützt Natascha immer noch und geht Sven an. An diesem Abend verbringe ich Stunden am Rechner und verfolge den Schriftverkehr auf Svens Wall. Als ich nach Mitternacht endlich die Klappe meines Notebooks schließe, schüttele ich instinktiv den Kopf. Unglaublich das Ganze. Noch dazu ist alles öffentlich auf Facebook zu lesen.

Natascha schlägt sich weitere 2 Monate in Dubai durch. Die Polizei sucht sie immer noch und Sven will nichts mehr von ihr wissen. Kurz vor Weihnachten bekommt er einen Anruf. Natascha will zurück nach Moskau kommen und wieder in seiner Wohnung schlafen. Sven glaubt, dass sie nun komplett verrückt geworden ist, doch Natascha gibt nicht auf. Sie ist aus einer Stadt, weit weg von Moskau und hat sonst keinen Platz zum Schlafen. Außerdem weiß ihre Familie mittlerweile von der Sache und anscheinend schämt sie sich nach Hause zu gehen. Sven bleibt hart und das obwohl Natascha alle Register zieht. Sie versucht es mit Weinen, später mit Wut und am Ende droht sie ihm mit der Polizei. Schließlich ist Sven Ausländer und sie immer noch mit ihm verheiratet. Damit hat sie Wohnrecht in der gemeinsamen Wohnung. Sven hat zwar Angst vor der russischen Polizei, beschließt aber hart zu bleiben. Ich rate ihm, demnächst kurz in der nahegelegenen Polizeistation vorbei zu schaun, eine Flasche Whiskey mitzubringen und alles aus seiner Sicht zu erklären. Damit ist die Sache dann wohl erledigt. Sven ist sauer auf Natascha. Was hat sie ihm alles angetan und jetzt das noch. Eigentlich will er nur noch seine Ruhe haben.

Danach ist Funkstille. Ich höre zwei Wochen lang nichts von Sven und der wohl auch nichts von Natascha. Bis eines Nachts sein Handy klingelt.  Auf der Anzeige steht eine Nummer aus Dubai und Sven will erst gar nicht rangehen. Dann nimmt er doch ab und am anderen Ende ist die Polizei aus Dubai. Ob er der Mann von Natascha sei, wird Sven gefragt. Danach sagen sie ihm, dass Natascha vom Balkon eines Apartmenthauses in den Tod gesprungen ist. 

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